Die Geschichte von Yusuf
Ishak hatte einen Sohn, der Yakub hieß. Als er herangewachsen und ein Mann geworden war, heiratete er und bekam im Laufe der Zeit zwölf Söhne und zahlreiche Töchter. Diese halfen schon seit der frühesten Jugend ihrem Vater bei verschiedenen Arbeiten auf dem Feld oder hüteten die Schafe und Ziegen. Yakub war ein guter Vater. Er hatte alle seine Kinder lieb. Am meisten aber liebte er seinen zweitjüngsten Sohn Yusuf. Trotzdem verwöhnte und bevorzugte er ihn aber nicht, sondern war gegen alle seine Kinder gerecht.
Eines Nachts hatte Yusuf einen Traum, und als er
am Morgen aufstand, erzählte er ihn seinem Vater: "Ich sah, wie sich elf
Sterne, Sonne und Mond vor mir verbeugten." Da sah Yakub, dass Yusuf von
Allah auserwählt war, um eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Er sagte:
"Mein lieber Sohn, sprich nicht mit deinen Brüdern über diesen Traum,
denn sie werden sonst vielleicht neidisch und versuchen, dir etwas anzutun. Der
Teufel ist ein verschworener Feind der Menschen und flüstert ihnen boshafte
Gedanken ein. Du bist von Allah auserwählt, und Er wird dich die Deutung von
Visionen und Ereignissen lehren und dir Gutes geben, so wie Er mir und meinen
Vätern Gutes gegeben hat."
Yusufs Brüder waren ohnehin eifersüchtig und neidisch, und sie sprachen unter
sich: "Unser Vater liebt Yusuf und unseren jüngsten Bruder mehr als uns
alle. Am meisten liebt er Yusuf. Wir anderen sind ihm gleichgültig. Wirklich er
ist alt, und sein Verstand nicht mehr klar." Einer der Brüder schlug vor:
"Warum töten wir Yusuf nicht?" Oder wir können ihn auch in ein
fremdes Land verschleppen, dann muß der Vater uns wieder lieben, wenn er nicht
mehr da ist. Hinterher können wir dann immer noch Gutes tun, damit die
Schandtat ausgeglichen wird." Ein anderer sagte: "Töten wollen wir
ihn nicht, das ist zu grausam, und immerhin ist er ja unser Bruder. WIr können
ihn ja in einen leeren Brunnen werfen. Dort finden ihn dann die Reisenden und
nehmen ihn mit." Damit waren die anderen einverstanden, und sie machten
einen Plan.
Am nächsten Tag sprachen sie zu ihrem Vater:
"Vater, warum lässt du nicht Yusuf mit uns gehen, damit er draußen
spielen kann? Wir wollen auch gut auf ihn aufpassen, damit ihm kein Unheil
geschieht. Das wird ihm sicher Freude machen."
Yakub erwiderte: "Es macht mich wirklich traurig, wenn Yusuf nicht zu Hause
ist. Ich fürchte, dass ihn der Wolf frisst, wenn ihr nicht auf ihn
aufpasst."
Die Brüder aber sagten: "Der Wolf wird ihn schon nicht fressen, denn wir sind viele, und er müsste uns schon alle töten, bevor er unseren Bruder angreifen kann."
Schliesslich gab der Vater schweren Herzens seine Erlaubnis, und die Brüder nahmen Yusuf mit auf die Weide. Als sie weit draußen waren, wo kein Mensch sie hören konnte, packten sie Yusuf plötzlich und warfen ihn in einen ausgetrockneten Brunnen. Dann schlachteten sie ein Schaf, bespritzten es mit Yusufs Hemd mit dem Blut und gingen nach Hause. "O Vater!", riefen sie, "während wir beim Wettlauf waren, ließen wir Yusuf bei unseren Sachen zurück. Und da kam ein Wolf und verschlang ihn. Aber du wirst uns sicher nicht glauben, obwohl wir die Wahrheit sagen." Dabei weinten sie heuchlerische Tränen.
Yakub sah das blutbefleckte Hemd und sprach: "Nein, ihr sagt nicht die Wahrheit, sondern ihr habt euch eine Geschichte ausgedacht, um mich zu betrügen. Was kann ich tun, als mich auf Allah verlassen und Ihn um Hilfe bitten?" Er weinte sehr.
Inzwischen saß Yusuf einsam in dem verlassenen Brunnenloch. Es wurde dunkel, und die Nacht brach herein. Aber Yusuf hatte keine Angst. Er wusste, dass Allah ihn nicht verlassen hatte, und Allah ließ ihn wissen, dass er eines Tages seinen Brüdern und seinen Eltern sagen würde, was hier geschehen war.
Am nächsten Tag kam eine Karwane vorbei. Die Reisenden erblickten den Brunnen und hielten an, um Wasser zu schöpfen. Aber wie verwundert waren sie, als sie statt des Wassers einen Jungen aus dem Brunnen zogen! Sie wussten nicht so recht was sie mit ihm anfangen sollten, aber da kamen auch schon Yusufs Brüder mit den Schafen, die sie zur Weide trieben. Sie sprachen zu den Fremden: "Wenn ihr diesen Jungen mitnehmen wollt, dann verkaufen wir ihn euch." Sie verkauften ihn sehr billig, weil sie ihn unbedingt loswerden wollten, und die fremden Kaufleute versteckten ihn unter ihren Waren, denn sie hatten bei alledem ein schlechtes Gewissen.
So zogen sie weiter, bis sie nach tagelanger beschwerlicher Wüstenreise nach Ägypten kamen. Dort verkauften sie ihre Waren und boten auf dem Markt auch Yusuf als Sklaven an. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein reicher Ägypter auf den Markt. Er hieß Aziz und war ein hoher Beamter am Hof des Pharao. Da er gerade einen Sklaven brauchte und ihm der hübsche Junge gut gefiel, kaufte er Yusuf und brachte ihn nach Hause. Zu seiner Frau sprach er: "Behandle ihn gut, denn vielleicht bringt er uns Glück, oder wir nehmen ihn als Sohn an." Denn Aziz hatte keine Kinder.
So blieb Yusuf in Ägypten. In kurzer Zeit lernte er, die fremde Sprache fließend sprechen, und wuchs zu einem kräftigen und klugen jungen Mann heran. Bevor er erwachsen war, meisterte er alle Wissenschaften und Künste des Landes, und Aziz beobachtete ihn dabei mit Freude, denn Yusuf war für ihn wie ein eigener Sohn. Das ganz besondere an Yusuf war, dass Allah ihn lehrte, Träume und merkwürdige Ereignisse zu deuten.
Wie ein grünes Band erstreckt sich Ägypten an
den Ufern des Nils entlang durch die Wüste. Jedes Jahr, wenn es in den fernen
Gebirgen in Afrika, wo die Nilquellen liegen, regnete, trat der Fluss über
seine Ufer, überschwemmte das ganze Land und brachte fruchtbaren schwarzen
Schlamm auf die Felder. Wäre einmal der Regen im afrikanischen Gebirge
ausgeblieben, so hätte der Nil im Sommer nicht genug Wasser geführt, und in
Ägypten hätte nichts wachsen können. So zeigt Allah den Menschen Seine
Wunder.
Aber die Ägypter hatten längst vergessen, dass Allah ihnen das Wasser schickte
und sie ernährte. Die ägyptischen Götzenpriester hatten im Volk den Glauben
verbreitet, der Pharao sei es, der jedes Jahr Wasser und fruchtbaren Schlamm
nach Ägypten kommen ließ. Dem Pharao war das nur recht. Er ließ sich als Gott
anbeten und behandelte das Volk wie Sklaven.
An dieser Götzendienerei beteiligte sich Yusuf selbstverständlich nicht. Denn
er erinnerte sich nicht nur an das, was sein Vater ihm von Allah und Seinen
Gesandten erzählt hatte, sondern er erkannte auch selbst die Wahrheit und
durchschaute den Betrug der Priester.
Im Laufe der Zeit gefiel der junge Mann Aziz Frau
immer besser. Sie, die verwöhnte, gelangweilte Dame, empfand seine Anwesenheit
als aufregend und verliebte sich in ihn. Als ihr Mann eines Tages ausgegangen
war, kam sie zu Yusuf, verschloss alle Türen, lächelte ihn an und sagte:
"Komm nun, Lieber."
Aber Yusuf antwortete: "Allah bewahre mich davor! Dein Mann ist mein Herr
und hat Vertrauen zu mir, und ich werde ihn nicht betrügen, nachdem er mich so
gut behandelt und mir das Leben im fremden Land so leicht gemacht hat! Untreue
bringt nichts Gutes."
Aber die Frau ließ sich nicht abweisen, sondern versuchte mit Gewalt, Yusuf zu
umarmen. Er wehrte sich und riss sich los, und sie wollte ihn am Hemd
festhalten, aber das Hemd zerriss, und er war frei und lief zur Tür.
In diesem Augenblick kam ihr Mann nach Hause und
fand die beiden so aufgeregt und seine Frau mit einem Fetzen von Yusufs Hemd in
der Hand. Sie hatte natürlich Angst, ihr Mann könnte böse auf sie sein,
deshalb versuchte sie schnell, sich herauszureden. "Dieser
Taugenichts!", sagte sie. "Als du weg warst, wollte er mich
belästigen. Ist das der Dank für unsere gute Behandlung? Man sollte ihn streng
dafür bestrafen."
Yusuf dagegen sagte: "So war es nicht, sondern sie hat versucht, mich zu
verführen." So sprachen sie beide vor dem Hausherrn, und dieser wusste
nicht, was er tun sollte, bis jemand ihm riet: "Wenn Yusufs Hemd vorn
zerrissen ist, dann ist ihre Anklage richtig, ist es aber von hinten zerissen,
dann lügt sie, und er sagt die Wahrheit."
Aziz fand nun ganz richtig, dass Yusufs Hemd von
hinten zerrissen war. Und er war sehr enttäuscht, dass seine Frau versucht
hatte, ihn zu betrügen und auch noch falsche Beschuldigungen gegen Yusuf
vorzubringen. Er forderte sie auf, sich bei Yusuf zu entschuldigen und ihn in
Zukunft in Frieden zu lassen.
Die Geschichte sprach sich jedoch bald bei den Damen der Stadt herum und wurde
zu einem richtigen Skandal. Alle sprachen über "die hat versucht, ihren
Sklaven zu verführen. Wie kann man sich nur in einen Sklaven verlieben! Ach,
vielleicht ist sie wirr im Kopf, die Arme!"
Das Gerede kam natürlich auch Aziz Frau zu Ohren. Sie schämte sich, zum
Gesprächsthema der ganzen Stadt geworden zu sein. Um sich zu rechtfertigen, lud
sie alle einflussreichen Damen ein. JEde von ihnen bekam ein Messer, mit dem sie
die Früchte schälen konnte, die zum Nachtisch serviert wurden. Gleichzeitig
rief Aziz Frau unter einem Vorwand Yusuf herein. Als die Damen diesen hübschen
jungen Mann erblickten vergaßen sie darüber alles andere und riefen aus:
"Allah bewahre uns! So schön kann doch kein Mensch sein! Vielleicht ist er
ein Engel!" Und so erstaunt waren sie, dass sie nicht Acht gaben und sich
in die Finger schnitten. Aziz Frau sagte zu ihnen: "Das ist der Mann, für
den ihr mir Vorwürfe macht. Ich war in ihn verliebt und wollte ihn verführen,
aber er wehrte sich und gab nicht nach. Aber wenn er jetzt nicht tut, was ich
verlange, will ich wirklich dafür sorgen, dass er ins Gefängnis geworfen wird
und sein Ansehen verliert." Die Frauen stimmten sogleich zu. "Er soll
alles tun, was du von ihm verlangst", sagten sie, "sonst wollen wir
alle dafür sorgen, dass er ins Gefängnis kommt."
Yusuf aber sprach: "Das Gefängnis ist mir
lieber, als das wozu mich diese Frauen erpressen wollen. O mein Herr, wenn Du
nicht ihre Nachstellung von mir abgewendet hättest, dann hätte ich vielleicht
gar in meinem jugendlichen Leichtsinn nachgegeben und damit zu den Unwissenden
gehört."
Die Frauen benutzten ihren ganzen Einfluss, um Yusuf ins Gefängnis zu bringen,
und selbst Aziz war schließlich damit einverstanden, denn er meinte, dass
dadurch ein Skandal am ehesten in Vergessenheit geriete.
Bald lernte Yusuf auch seine Gefängnisgenossen kennen. Einer von ihnen war
früher Mundschenk des Pharao gewesen. Der andere war Bäcker am Königshof.
Beide waren wegen irgendeines Vergehens ins Gefängnis gekommen, und beteuerten
ihre Unschuld.
Eines Tages hatten diese beiden Männer einen Traum und erzählten am nächsten
Morgen Yusuf davon. Der eine sagte: "Ich sah, wie ich für den König
Trauben auspresste." Der andere berichtete: "In meinem Traum ging ich
eine Straße entlang und trug Brot au meinem Kopf. Da kamen die Vögel und
fraßen von dem Brot." Und da sie wussten, dass Yusuf Träume deuten
konnte, baten sie ihn, ihnen die Bedeutung zu enthüllen.
Yusuf sprach: "Bevor ihr euer Frühstück
bekommt, werdet ihr die Bedeutung eurer Träume erfahren. Das ist ein Teil der
Aufgabe die Allah mir gegeben hat. Denn ich habe nicht die Lebensweise derer,
die nicht an Allah glauben und das jenseitige Leben leugnen, und ich folge der
Lebensweise meiner Väter Ibrahim, Ishak und Yakub." Und er erzählte ihnen
viel von Allah und forderte sie auf Ihm allein zu vertrauen und Ihm keine
Götzen zur Seite zu stellen. Schließlich sprach er zu dem Mundschenk:
"Dein Traum bedeutet, dass du in kurzer Zeit wieder als Mundschenk zum
Pharao zurückkehren wirst." Aber zu dem Bäcker sprach er: "Dein
Traum bedeutet, dass du zum Tode verurteilt und gekreuzigt wirst, und die Vögel
werden von deinem Kopf fressen. Zu dem Mundschenk sagte er noch: "Wenn du
zu deinem Herrn zurückkommst, dann berichte ihm doch, wie ich deinen Traum
gedeutet habe, und dass ich unschuldig im Gefängnis sitze."
Schon bald geschah es, wie Yusuf vorausgesagt hatte. Der Bäcker wurde zum Tode
verurteilt und hingerichtet, und der Mundschenk wurde aus dem Gefängnis
entlassen und kehrte an den Hof des Pharao zurück. Aber er vergaß Yusuf
sofort, und dieser musste noch ein paar Jahre lang im Gefängnis bleiben.
Eines Nachts hatte der Pharao einen Traum und berichtete am nächsten Morgen
seinen Hofbeamten: "Ich sah im Traum sieben fette Kühe, und dann kamen
sieben magere Kühe und verschlangen die sieben fetten Kühe. Davon wachte ich
auf. Als ich wieder eingeschlafen war, sah ich sieben volle Kornähren, und dann
kamen sieben leere Kornähren und verschlangen die sieben vollen. Was kann das
nur bedeuten? Ich bin sehr besorgt. Könnt ihr mir die Deutung sagen?
Die Hofbeamten verbeugten sich und antworteten: "Ein merkwürdiger
Traum!" Aber wir haben nicht gelernt, Träume zu deuten."
Dies hörte auch der Mundschenk, und gleich fiel ihm ein, was er viele Jahre
zuvor vergessen hatte. Er sagte zum König: "Ich kann vielleicht die
Deutung von irgendwoher besorgen."
Sogleich eilte er zum Gefängnis und fand Yusuf immer noch dort. "O Yusuf",
sagte er, "enthülle mir die Bedeutung von diesem Traum, damit ich sie dem
König mitteilen kann."
Yusuf eriwderte: "Dieser Traum ist äußerst wichtig für das ganze Land.
Sieben Jahre lang wird nämlich der Nil genügend Wasser führen, so dass ganz
Ägypten grünt und die Ernte reichlich wird. Alle werden genug zu essen und
Früchte und Fleisch im Überfluss haben. Hütet euch aber, alles gleich zu
verzehren. Ihr sollt vielmehr den größten Teil der Ernte als Vorrat
aufspeichern. Denn gleich darauf werden sieben Hungerjahre kommen, wo ihr diese
Vorräte dringend braucht, bis auf einen kleinen Teil, den ihr als Saatgut
behalten sollt, denn danach wird es wieder genügend Wasser geben zum Säen und
Ernten. Und nur Allah ist es, der den Menschen und Tieren Nahrung und Wasser
gibt. So zeigt Allah die Wahrheit."
Der Mundschenk kehrte eilig in den Palast zurück
und teilte den Beratern des Pharao die Deutung mit. Diese wiederrum beeilten
sich, sofort dem König davon zu berichten, der sich außerordentlich wunderte
und nachforschen ließ, woher sie die Deutung bekommen hatten. So erfuhr er
schließlich von Yusuf und befahl, ihn augenblicklich freizulassen und in den
Palast zu bringen.
Sofort eilte ein Bote ins Gefängnis, um Yusuf zu holen, aber dieser weigerte
sich. "Geh zu deinem Herrn zurück", sagte er, "und frage ihn, ob
jene Damen inzwischen zu Verstand gekommen sind, die sich damals in die Finger
geschnitten hatten. Denn mein Herr kennt sicherlich ihre Nachstellungen."
So kehrte der Bote zum König zurück und berichtete, was Yusuf ihm gesagt
hatte. Der Pharao ließ sofort die Damen der Stadt in den Palast holen und
stellte sie zur Rede: "Was hattet ihr vor, als ihr ihn so schändlich
erpressen wolltet?"
Die Damen erwiderten: "Allah bewahre uns! Wir haben nichts Böses gegen ihn
vor." Und Aziz Frau sagte: "Jetzt liegt die Wahrheit klar und offen
da. Ich war diejenige, die ihn verführen wollte, aber er gehört zu den Treuen
und Ehrlichen. Sagt ihm, das ich in seiner Abwesenheit nichts Schlechtes mehr
geplant habe, denn Allah hilft den Bösen nicht. Die Seele der Menschen ist
sicher schwach gegenüber schlechten Gedanken, bis Allah uns Seine
Barmherzigkeit schenkt. Und Er ist der Vergebende und Barmherzige."
Da befahl der König, Yusuf aus dem Gefängnis
freizulassen und vor ihn in den Palast zu führen. "Ich will ihn zu meinem
persönlichen Berater ernennen", dachte er sich dabei.
Als er diese Nachricht vernahm, badete Yusuf und zog prächtige Kleider an, die
der Pharao ihm hatte bringen lassen. Als er in den Palas eintrat, sprach er:
"O Allah, ich bitte Dich um ein wenig Gutes von ihm und nehme Zuflucht zu
Dir vor dem Bösen an ihm." Dann grüßte der den König in seiner eigenen
Muttersprache. Der Pharao war sehr verwundert. Er verstand nämlich zahlreiche
Sprachen, diese aber hatte er noch nie gehört. "Was ist das für eine
Sprache?" fragte er. Yusuf erwiderte: "Das ist die Sprache meiner
Vorfahren." Darauf redete der Pharao mit Yusuf in allen Sprachen, die er
kannte, und Yusuf versäumte nicht, ihm in jeder Sprache zu antworten, wovon der
Pharao sehr beeindruckt war. Er sprach zu Yusuf: "Ich will dich heute
besonders auszeichnen und dich zu meinem Minister machen." Yusuf eriwderte:
"Lass mich dann die Getreidespeicher verwalten, denn von ihnen hängt das
Schicksal des Landes ab."
So wurde Yusuf zum obersten Verwalter der Kornspeicher, und er war
verantwortlich dafür, dass selbst während der sieben mageren Jahre niemand im
Land zu hungern brauchte.
Alles traf nämlich so ein, wie der König geträumt hatte. Sieben Jahre lang
wuchsen Korn und Früchte im Überfluss. Der größte Teil der Ernte wurde in
den Speichern gelagert.
Dann kamen sieben Jahre, in denen es nicht genug Wasser gab und die Pflanzen auf
den Feldern vertrockneten. Da wurden die Speicher geöffnet und das Korn an die
Bevölkerung verteilt.
Auch in Palästina, wo Yakub mit seinen Söhnen wohnte, kamen sieben trockene
Jahre, und da die Menschen dort nichts von der nahenden Hungersnot gewusst und
deshalb auch kein Getreide aufbewahrt hatten, gab es bald nichts mehr zu essen.
Yakub hörte, dass es in Ägypten Getreide gab, und er gab seinen Söhnen Geld,
damit sie dort welches einkauften. Die zehn ältesten Söhne machten sich auf
den Weg, aber der jüngste blieb bei den Eltern zu Hause.
Als die Brüder nach Ägypten kamen, fragten sie,
wo man denn hier Getreide kaufen könnte, und sie wurden zu Yusuf geschickt, der
in seinen ägyptischen Kleidern ganz fremd aussah und außerdem die ägyptische
Sprache sprach, so dass sie ihn überhaupt nicht erkannten. Yusuf dagegen wusste
wohl, wen er vor sich hatte, aber er gab sich nicht zu erkennen, sondern
erkundigte sich höflich nach ihrer Herkunft und ihrer Familie, während sie den
Preis für das Korn aushandelten. Sie erzählten von ihrem alten Vater und von
ihrem jüngeren Bruder, der zu Hause geblieben war, und Yusuf konnte nur mit
Mühe die Tränen zurückhalten. Schließlich sagte er zu ihnen: "Wenn ihr
das nächstemal wiederkommt, müsst ihr euren jüngsten Bruder unbedingt
mitbringen. Ich mache ein ehrliches Geschäft mit euch. Aber wenn ihr
wiederkommt, ohne ihn mitzubringen, sollt ihr überhaupt nichts bekommen und
braucht gar nicht erst in meine Nähe zu kommen." Darüber wunderten sich
die Brüder, aber sie sagten: "Wir wollen ganz bestimmt versuchen, von
unserem Vater die Erlaubnis dazu zu bekommen."
Inzwischen hatten die Diener die Kornsäcke aufgeladen, und Yusuf hatte ihnen
befohlen, heimlich auch das Geld der zehn Brüder mit in die Säcke zu legen,
denn er wollte sicher sein, dass sie auch wiederkamen. Dann reisten die Brüder
in ihre Heimat zurück.
Als sie zu Hause ankamen, erzählten sie ihrem alten Vater alles, was unterwegs geschehen war. Sie sagten: "Der ägyptische Verwalter will uns kein Korn mehr verkaufen, wenn wir nicht das nächstemal unseren jüngsten Bruder mitbringen. Lass ihn deshalb mit uns nach Ägypten reisen. Wir wollen auch gut auf ihn Acht geben."
Der Vater schüttelte mißtrauisch den Kopf. "Soll ich euch meinen jüngsten Sohn anvertrauen und dann das gleiche erleben wie mit Yusuf?" fragte er. "Allah kann am besten auf die Menschen Acht geben."
Schließlich packten die Brüder das mitgebrachte
Korn aus und fanden in den Säcken ihr Geld wieder. "Sieh nur, Vater",
riefen sie, "was können wir besseres erwarten?" Wir haben unser Geld
zurückbekommen, und nun können wir mehr Korn für unsere Familie kaufen, wenn
wir unseren jüngsten Bruder mitnehmen können. Vielleicht schenkt uns der
ägyptische Verwalter sogar noch etwas."
Yakub sprach: "Ich will ihn nicht mit euch reisen lassen, wenn ihr nicht
feierlich in Allahs Namen versprecht, dass ihr ihn gesund zurückbringt, es sei
denn, ihr wäret selbst in Gefahr."
Da legten die Brüder ein feierliches Versprechen ab und sprachen: "Allah
sieht und hört alles, was wir sagen."
Bevor sie abreisten, ermahnte der Vater sie noch: "O meine Söhne, tretet
nicht alle durch das gleiche Stadttor in die Stadt ein, damit euch die Leute
nicht verdächtigen. Das soll nur ein guter Rat sein, und niemand kann im voraus
wissen, was Allah bestimmt hat. Auf Ihn allein sollt ihr vertrauen."
Die Brüder taten alles, was der Vater ihnen
aufgetragen hatte, und schließlich kamen sie wieder zu Yusuf. Yusuf empfing sie
sehr freundlich und konnte kaum seine Freude über das Wiedersehen mit dem
jüngsten Bruder verbergen, aber noch gab er sich nicht zu erkennen. Nur den
Jüngsten nahm er beiseite und sagte zu ihm: "Ich bin in Wirklichkeit dein
Bruder Yusuf. Sei nicht mehr traurig über mein Verschwinden, denn Allah hat
alles zum Besten gelenkt."
Aber nun, nach diesem Wiedersehen, wollte er sich nicht mehr von seinem
jüngsten Bruder trennen, und auch den alten Vater wollte er so bald wie
möglich wiedersehen. Während er also die Brüder zum Essen in seinen Palast
einlud, befahl er den Dienern, nicht nur wie das erstemal Geld wieder in die
Kornsäcke zu stecken, sondern seinen eigenen wertvollen Becher, den er vom
Pharao als Ehrengeschenk erhalten hatte, dem Jüngsten in die Satteltasche zu
legen.
Zufrieden reisten bald darauf die Brüder ab. Aber
sie kamen nicht weit, bis sie von Reitern eingeholt wurden. "Halt!
Stehenbleiben!" riefen diese. Ihr seid vielleicht Diebe."
Erstaunt wandten sich die Brüder um. "Was fehlt euch denn?" fragten
sie die Verfolger, die ägyptische Soldaten waren.
"Wir vermissen den Becher des Königs. Wer ihn zurückbringt, erhält eine
Belohnung", erwiderten die Soldaten.
Die Brüder sprachen: "Allah ist unser Zeuge, ihr wisst, dass wir nicht in
das Land gekommen sind, um Verbrechen zu begehen, und wir sind keine
Diebe."
"Und wenn ihr nun lügt?" fragten die Soldaten. "Was sollen wir
tun, wenn wir beweisen, dass einer von euch der Schuldige ist?"
Die Brüder sagten: "Ihr könnt unser Gepäck durchsuchen, und wenn ihr bei
einem von uns den Becher findet, könnt ihr ihn zurückhalten und
bestrafen."
So fingen die ägyptischen Soldaten an, das Gepäck der Brüder zu durchsuchen,
bis sie schließlich bei den Satteltaschen des jüngsten Bruders ankamen. Und
hier fanden sie den Becher.
Entsetzt dachten die Brüder an das Versprechen, das sie ihrem alten Vater
gegeben hatten. Gleichzeitig waren sie froh, auch ihn loszuwerden, denn noch
immer waren sie neidisch und eifersüchtig.
Alle kehrten sie mit den Soldaten zusammen in die Stadt zurück, und als sie
Yusuf wieder gegenüberstanden, sprachen sie zu ihm: "Wenn er gestohlen
hat, dann ist das nicht merkwürdig. Er hatte einen Bruder, der auch gestohlen
hat."
Damit meinten sie Yusuf, denn sie wollten sagen, er hätte die Liebe ihres
Vaters gestohlen. Ist das nicht eine dumme Idee?
Yusuf verstand wohl, was sie in Wirklichkeit meinten, aber er liess sich nichts
anmerken und dachte nur im Stillen: "Ihr seid in einer schlimmeren Lage als
er, und Allah weiß am besten, was in Wirklichkeit geschehen ist."
Die Brüder dachten aber auch daran, dass der
Vater zornig auf sie werden könnte, wenn sie ihr Versprechen nicht hielten,
darum versuchten sie scheinheilig, für den Jüngsten ein gutes Wort einzulegen:
"Denk doch, er hat einen alten, ehrwürdigen Vater, der um ihn trauern
wird, wenn er nicht zurückkommt. Darum nimm doch einen von uns an seiner
Stelle. Wir sehen, dass du ein großzügiger Mann bist."
Aber Yusuf erwiderte: "Das verhüte Allah, dass wir einen anderen bestrafen
als den, bei dem wir den gestohlenen Becher gefunden haben. Denn das wäre ja
wirklich eine Ungerechtigkeit!"
Als die Brüder sahen, dass Yusuf nicht nachgeben wollte, sprach der Älteste zu
den anderen: "Nun stehen wir hier mit dem Versprechen an unseren Vater, das
wir nicht halten können. Und zuvor haben wir uns an Yusuf vergangen, nur wegen
eurer Eifersucht. Darum will ich dieses Land nicht verlassen, bis mein Vater es
mir erlaubt oder Allah es mir befiehlt. Kehrt zu unserem Vater zurück und
berichtet wahrheitsgemäß, was geschehen ist." Selbst blieb er in Ägypten
zurück, um den jüngsten Bruder nicht im Stich zu lassen.
Mit schlechtem Gewissen reisten die Brüder heim, und als sie ihrem Vater gegenüberstanden, sprachen sie: "Vater, dein jüngster Sohn hat in Ägypten einen Diebstahl begangen, heimlich ohne unser Wissen. Wir haben nur gesehen, dass der gestohlene Becher bei ihm gefunden wurde. Wenn du uns nicht glaubst, kannst du in der Stadt nachfragen, wo wir gewesen sind, oder bei den Reisegefährten in unserer Karawane, denn diesmal sagen wir wirklich die Wahrheit."
Aber Yakub erwiderte: "Nein, diese Geschichte
könnt ihr nicht einmal selbst glauben. Ich weiß nicht, was wirklich geschehen
ist, darum bleibt mir nichts anderes übrig als Geduld zu üben und mich auf
Allah zu verlassen. Vielleicht bringt Er am Ende alles wieder zu mir
zurück." Dann wandte er sich von ihnen ab und weinte, bis er das
Augenlicht verlor. Seine Söhne machten ihm Vorwürfe: "Du stirbst",
aber er erwiderte: "Ich klage nur vor Allah meinen Schmerz, und ich weiß
von Allah, was ihr nicht wißt." Denn tief in seinem Herzen wusste er, dass
irgendwo in der Welt Yusuf noch am Leben war, und dass sein jüngster Sohn kein
Dieb sein konnte.
Schließlich schickte Yakub seine Söhne wieder nach Ägypten. Diesmal hatten
sie nicht einmal genug Geld übrig, aber Yakub sprach: "Geht und sucht nach
Yusuf und seinem Bruder, und gebt die Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit nicht
auf, denn niemand kann Allahs Barmherzigkeit ableugnen außer denen, die keinen
Glauben haben."
In Ägypten traten die Brüder wieder vor den
Verwalter der Kornspeicher. Verschämt sagten sie zu ihm: "Hoher Herr,
Verzweiflung hat uns und unsere Familie ergriffen. Wir haben nicht genug Geld.
Gib uns doch bitte ein volles Maß an Korn, und gib uns als Almosen was wir
nicht bezahlen können, denn Allah belohnt die Freigiebigen."
Yusuf schaute sie streng an. "Nun kommt ihr und bittet um Almosen und
sprecht von Allahs Belohnung. Habt ihr bei allem, was ihr Yusuf und seinem
Bruder angetan habt, auch einmal an Allahs Gerechtigkeit gedacht?"
Erschrocken schauten die Brüder einander an. Wie konnte der fremde Verwalter
wissen, wie sie sich ihren Brüdern gegenüber verhalten hatten? Sie erinnerten
sich, wie sie Yusuf an die fremden Reisenden verkauft hatten, die auf dem Weg
nach Ägypten waren, und endlich fragten sie zaghaft: "Bist du etwa Yusuf?"
"Ich bin Yusuf", bestätigte der Verwalter, "und dieser Junge ist
mein Bruder. Allah war uns allen gnädig, und Er lässt nicht zu, dass sich das
Unrecht vermehrt."
Da riefen die Brüder: "Wahrhaftig hat Allah dich unter uns ausgewählt,
und wir haben ein großes Unrecht begangen." Sie bereuten ihre neidischen
Gedanken und ihre bösen Taten und erwarteten, dass Yusuf sie bestrafen und mit
Schande beladen heimschicken würde.
Yusuf aber sprach: "Ich will euch heute keine Vorwürfe machen, Allah wird
euch vergeben, denn Er ist der Barmherzige. Kehrt heim zu unserem alten Vater
und nehmt mein Hemd mit. Das sollt ihr auf sein Gesicht legen, und er wird sein
Augenlicht wiederbekommen. Dann kommt alle zusammen hierher zu mir."
Voll Freude machten sich die Brüder auf den Heimweg. Noch während sie
unterwegs waren, sprach Yakub zu Hause: "Mir ist, als wenn ich Yusufs
Geruch spüren würde." Seine Hausgenossen sagten: "Ach was, du bist
alt geworden, und nun bist du zerstreut." Aber dann kam einer seiner
Söhne, der in Eile der Karawane vorausgeritten war, um die frohe Nachricht zu
überbringen. Er legte Yusufs Hemd auf das Gesicht seines Vaters, und schon
konnte dieser wieder sehen. Und Yakub sprach: "Habe ich euch nicht gesagt,
dass ich von Allah weiß, was ihr nicht wißt?"
Als die anderen Brüder nach Hause kamen, sprachen sie zu ihrem Vater: "Wir
haben wahrhaftig großes Unrecht begangen. Bitte doch Allah um Vergebung für
uns."
Yakub erwiderte: "Sicher will ich trotz allem
Allah um Vergebung für euch bitten, denn Er ist der Verzeihende und
Barmherzige."
Unverzüglich machte sich die ganze Familie auf den Weg nach Ägypten.
Yusuf empfing seine Eltern mit großer Freude. Er ließ Gnade über sie walten,
so dass sie sich in Frieden in Ägypten niederlassen konnten. Da verbeugten sich
seine Eltern und Brüder alle vor Yusuf, und dieser sprach: "So hat dann
Allah den Traum in Erfüllung gehen lassen. Wahrhaftig kennt Allah alle
Geheimnisse."
Als Yakub spürte, dass er bald sterben musste, rief er seine zwölf Söhne zu
sich. Er machte sich Sorgen, dass sie vielleicht in diesem fremden Land Allah
vergessen und die göztendienerischen Gewohnheiten der meisten Bewohner annehmen
könnten, sobald er nicht mehr da war, um sie zu ermahnen. Er fragte sie:
"Wen werdet ihr anbeten, wenn ich nicht mehr am Leben bin?" Sie
antworteten: "Wir werden Allah anbeten, den du und deine Väter angebetet
haben, der Ibrahims, Ismails und Ishaks Gott ist. Er ist der einzige und wahre
Gott. Ihm wollen wir uns hingeben. Und dieses Versprechen haben alle zwölf
Söhne ihr Leben lang gehalten.
Allahs Friede sei mit Yakub und Yusuf.
Quelle: Geschichten der Propheten aus dem Qur'an; Islamisches Zentrum Hamburg e.V. DIE MOSCHEE